Samstag, 14.09.19- Ein getrenntes Land, zwei Brückenfarben und kilometerlange Tunnel!
Sie erklärte uns danach in einem langsamen,
deutlichem Englisch, dass sie unser guide wäre und begann nach einer
kurzen Restaurantpause dann gleich mit einigen Fakten über den
Vietnamkrieg. In der Restaurantpause lernte ich Olga aus Birmingham
(ursprünglich kam sie aus Polen) und eine Frau aus Rostock kennen,
die zuvor in der Nachhaltigkeitsforschung gearbeitet, nun aber ihren
Job und Wohnung gekündigt hatte und mit ihrem Mann auf dem Weg zu
ihrer Schwester war. Diese lebte in Sydney und die zwei wollten den
Weg hin und zurück ohne Flugzeug bewältigen. Respekt!
Zurück im
Bus fuhren wir fort zu fahren. Vorbei ging es wieder an vollbepackten
Fahrrädern und Rollern, Räucherstäbchen in Bündeln sowie an
Planen, auf denen (vermutlich Bio) Reis trocknete.
Wir hielten erst
an einem Berg, von dem aus damals die Amerikaner wohl sendeten (ein
Fahnenmast stand noch zum Gedenken an der Stelle) und dann an einer
Brücke an, die historisch gesehen wichtig war, da sie über den
Fluss führte, über den der meiste Austausch an Lebensmitteln und
sonstigen Dingen zwischen Norden und Süden erfolgte.
An einigen Reisfeldern vorbei, das Mädel hinter uns redete immernoch auf den armen Argentinier ein. Wir wurden gleich einer asiatischen Reisegruppe dann für einen Fotostop in einem Minderheiten-Dorf aus dem Bus herausgelassen, in dem („Hört!Hört!“) es immerhin Wlan gibt, irgendwo im Nirgendwo.
Dann ging es ein Stück in die andere Richtung, vorbei an Kaffeesträuchern und Pfefferpflanzen, zu einer ehemaligen Airbase, auf der noch alte Panzer, Flugzeuge und Bomben zu sehen waren.
Die Amerikaner haben allein im Umkreis auf die Dörfer 20.000 Tonnen Bomben fallen lassen. Jedoch gilt die Airbase als sicher, wohingegen in manchen Gebieten jedes Jahr noch Vietnamesen verletzte werden oder sogar umkommen, weil es immernoch nicht gelungen ist alles aus dem Boden zu holen. Einige unserer russischen Mitfahrer kletterten auf dem Panzer herum, was ich als etwas geschmacklos empfand und wer weiß wie sehr die schon durchgerostet waren.
Eine ältere Dame bot uns alte, rostige Feuerzeuge und
Patronenhülsen als Souvenire an. Ich hoffe, dass das Imitate sind,
denn anderweitig gehören diese Dinge ins Museum. Wieder rein in den
Bus und wieder zurück (der Niederländer neben uns beschwerte sich,
dass es das ja wohl nicht wert gewesen sei diese eine Stunde hierher
zu gurken) und vorbei an dem Grenzfluss, der Nordvietnam (blau) von
Südvietnam (grün) getrennt hatte und wo beide Parteien damals
Propaganda-Lautsprecher aufgestellt hatten.
Schließlich kamen wir zu den
Vinh-Moc-Tunneln. Hier gab es etwas irritierte Frauen mit
Souvenirständen, die mit Touristen in der Regenzeit wohl nicht
gerechnet hatten. Jedenfalls sprangen sie sehr verzögert auf, um
Eis, Getränke und gruselig bunte T-Shirts an den Touristen zu
bringen. Nun hieß es: Folgen Sie dem Bambuspfad und dem Regenschirm.
Wir bekamen nach einem kurzen Abstecher in das Museum eine andere
Frau als Tunnelguide, weil unsere schneinbar Platzangst hatte.
Diese
führte uns durch verschiedene Tunnel (insgesamt war das Netz 2,8 km
lang), in denen es selbst für mich irgendwann doch ziemlich beengt
wurde, v.a. wenn hinter einem und vor einem noch jemand lief. Zwei
Jahre dauerte der Bau und sechs Jahre haben die Menschen hier unten
gelebt, dabei wurden in der Zeit 17 Kinder geboren, 16 davon
überlebten.
Es gab insgesamt drei Stockwerke, in denen sich u.a.
Wohnbereiche (also kleine Nebenhöhlen), Krankenhäuser, eine
Gebärstation, Aufenthaltsräume und ein Theater befanden. Da ich
nicht zum Maulwurf geboren wurde, war ich ganz froh irgendwann wieder
Licht sehen zu können. Nachts kamen die Menschen heraus, um zu
fischen, Landwirtschaft zu betreiben oder über das Meer
Schmuggelware zu erhalten.
Kann man sich alles gar nicht vorstellen,
müssen sehr zähe Menschen gewesen sein. Im Bus auf dem Weg zum
Soldatenfriedhof erzählte uns nun wieder unsere vorherige Frau, dass
sie selbst Familie auf beiden Seiten gehabt hatte und dass die
Vietnamesen den Amerikanern (und scheinbar auch den anderen Ländern,
die die USA damals unterstützt hatten wie Australien, Korea etc.)
verziehen hätten, wobei sie meinte, dass verzeihen aber nicht
vergessen bedeutet.
Auf dem Friedhof lagen wohl 2000 der mehreren
Millionen toten Vietnamesen, denn wie so oft hatte es bei dem Krieg
auch überwiegend Opfer in der Zivilbevölkerung gegeben.
Hier gab es
Kinder, die nur ein Jahr alt geworden waren sowie 20-Jährige
Soldaten und sehr viele Grabsteine mit „unbekannt“.
Die
nachdenkliche Stille im Bus wurde am Anfang noch mit Fragen an
unseren Guide unterbrochen und ging, nachdem sie ausgestiegen war,
langsam ins Schnarche über, denn, obwohl wir die meiste Zeit im Bus
verbracht hatten, hatte uns dieser Tag sowohl emotional als auch
körperlich durchaus beansprucht. Zum Glück war der Argentinier
eingeschlafen, vielleicht tat er auch nur so, aber die Deutsche saß
wach da und fand niemanden zum Reden. Den Abend verbrachten wir zu
dritt (mit Olga), zunächst auf dem Obstmarkt (auf dem es gar nicht
so einfach war zu verhandeln, schließlich bekamen wir zwei
Drachenfrüchte für einen guten Preis) und dann in der
Fußgängerpassage.
Dort probierten wir die Spießchen aus (es gab bis auf die süßen Varianten kaum etwas ohne Fleisch), ließen uns ein Eis zurecht hacken, gingen in den vietnamesischen Harry-Potter-Laden und wurden mehrmals von Studenten der Universität auf Englisch interviewt. Dabei gab es meist ein bis zwei, die sich trauten und der Rest versteckte sich kichernd hinter der kleinen Lehrerin. Es gab auch Schülergruppen, die sogar mit entsprechenden T-Shirts ausstaffiert wurden.
Nach all der Fragerei fielen wir schnell ins Bett, das zum Glück oberhalb der Erde liegt und nicht in einer kleinen Höhle, dafür bin ich sehr dankbar.
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