Sonntag, 29.09.19-Hochzeit
„Heute großer Wäschetausch“ – dieser Blog folgt bald.
Der Morgen der Hochzeit war gekommen.
Für uns hieß das erst einmal nicht unbedingt, dass der Morgen
anders verlief. Duschen, frühstücken. Wir trafen allerdings Philipp
auf dem Flur, der bereits mit Hochzeitstracht auf dem Weg zur Dusche
war. Ting verkündete beim Frühstück, dass sie sich einen
Friseurtermin organisieren wollte. Aus Spaß meinte ich zu ihr, dass
sie doch dann fragen soll, ob noch Platz für uns wäre. Eigentlich
war das mehr ein Scherz, aber als sie auflegte meinte sie ernst:
„Kein Problem!“ Also schnell los. Zum Glück hatten wir uns schon
die Haare gewaschen, also hüpften wir mit Jeff schnell in ein Uber
und los ging es. Jeff bekam allerdings einen anderen Friseur, da Ting
meinte, dass bei uns bestimmt nicht mehr soviel Platz war, obwohl uns
der Laden sehr groß erschien als wir hineingingen. Zum Glück hatten
wir Ting dabei, die alles für uns aushandelte und das Wort
„Hochzeit“ wegließ. So bekamen wir alle eine Friseuse (Mama und
ich) oder einen Friseur (Ting und Kathi zugeteilt) und so entstanden
aus einem Vorzeigefoto drei verschiedene Frisuren. Ting erhielt einen
Waschgang mit Kopfmassage und dann wurden die Haare zurecht geföhnt.
Am Ende fragten sie noch, ob sie mit uns allen ein Foto machen
könnten, da sie nicht so oft „foreigner“ hatten. Also wurde von
jedem noch ein Bild von der Frisur und ein Portraitfoto gemacht. Na
Mensch, wer weiß wem das mal gezeigt wird. Auf der Rücktour
sammelten wir Jeff ein, der den Vorschlag machte doch zu laufen. Das
taten wir dann-mit den frischen Frisuren, was an sich nicht die beste
Idee war, denn es war stickig warm und wir mussten ja alle nochmal
deswegen duschen. Dann noch ins Kleid, der letzte Schliff und dann
trafen wir uns schon alle in der Lobby.
Philipp war
verständlicherweise sehr nervös. Als dann die Autos (sechs
Stück!!!) ankamen, wurde jedem ein Auto zugeteilt, in dem wir dann
in einem großen Bogen zu Saras Haus fuhren.
Da Benni viele rote
Umschläge hatte, fiel ihm doch zunächst einer unbemerkt auf den
Boden vor das Auto. Zum Glück fiel uns das gleich auf und Papa hob
den Umschlag auf und reichte ihn uns durchs Fenster. Na das wäre was
geworden! Zuvor waren wir bereits von Winnie instruiert worden wann
man wie das Haus betritt. Philipp musste zuerst aussteigen und wir
konnten die Eltern mit einer Handbewegung begrüßen, wobei man beide
Hände zu einer Kugel zusammenlegte, über jede Schulter zweimal
schüttelte und dabei (so spricht man es wohl aus) „Gong schi“
sagt. Allerdings wurde alles nicht so streng gesehen, auch dass wir
nicht fotografieren und filmen sollten. Wir bekamen eine extra
Behandlung mit speziellen Plätzen, Obst, Tee etc. Wir warteten mit
der Familie von Sara, die sich reichlich in den Rest des Hauses
quetschte. Zwischendurch lugte Sara schon die Treppe herunter, wurde
aber sofort wieder hochgescheucht, da es noch nicht ihr Einsatz war.
Aber irgendwann durfte sie, nachdem wir unten auf den Stühlen vom
Hochzeitsplaner umsortiert wurden. Das war ein wenig wie Stuhltanz.
Der Herr war auch etwas laut und gab Anweisungen. Die Höhe war
allerdings seine Hose, die an den Schienbeinen tiefe Einblicke
gewähren ließen. Sie sah echt super aus in der traditionellen
Hochzeitskleidung, während Philipp nicht so richtig zur asiatischen
Tracht passen wollte, aber gerade das in Kombination mit dem Hut
(leider hatte Sara ihm die Brille untersagt) war ein Knaller. In
Begleitung einer Tante, die sich mit den Hochzeitsbräuchen auskannte
reichte Sara nun unserer Familie Tee und sagte etwas dazu. Wir
tranken den aus und rollten danach unsere roten Umschläge in die
Tassen. Diese gaben wir ihr dann mit netten Worten zurück.
Nach
vielen Fotos vom Brautpaar mit allen möglichen Kombinationen aus
Familienmitgliedern und Freunden, ging Sara wieder nach oben und ließ
uns mit einer neuen (geschnitzten) Obstplatte und Spießchen zurück.
Das bekam der Obstplatte nicht gut, uns aber umso mehr. Zwischendurch
wurden Geschenke übergeben (Hochzeitskuchen, der ungewohnterweise
deftig – mit Schwein und Kürbis- war und nicht süß), der
Geschenketisch war gut gefüllt.
Das krasseste Geschenk war ein ein
Körbchen mit Deko, v.a. mit kleinen Hühnchen, die für viel
nachwuchs stehen sollte und tatsächlich krähte, wenn man einen
Knopf betätigte.
Nach einer Weile kehrte sie in dem riesigen weißen
Hochzeitstofftraum wieder zurück. Zuvor hatte Philipp sie aus ihrem
Zimmer holen müssen mit anklopfen etc. Unten verabschiedete sich
Sara nun von ihren Eltern und bedankte sich für die letzten 29
Jahre.
Auch Philipp sagte etwas auf Chinesisch. Dann verließen die
beiden das Haus. Draußen wurde der Blumenstrauß von Philipp aus dem
Fenster gehalten, Sara schmiss ihren Fächer aus dem Autofenster. Das
macht die Braut, um all ihre schlechten Eigenschaften abzulegen, wenn
sie in das Haus ihres Mannes geht. Es gibt wohl mittlerweile Bräute,
die ganze palmwedelgroße Fächer werfen oder Sara wurde von einem
Cousin geraten doch die alte Klimaanlage zu werfen. Wir erklommen
wieder unsere Autos und nach dem kleinen Feuerwerk ging die Karawane
ab durch die Stadt. Für jedes Paar war wirklich ein Auto und ein
Fahrer dabei. Das fühlte sich seltsam an wie man da so vornehm durch
die Gegend kutschiert wurde. Zum Glück hatten die beiden schönes
Wetter. An der „Location“ angekommen, konnte Sara so das Ritual
mit dem Korb (eine flache aus Fasern gewebte Schale) über den Kopf
gehalten während sie ausstieg, damit Gott nicht sah, dass sie die
wichtigste Person an dem Tag war.
Wir fuhren in die Tiefgarage und
versammelten uns alle im Fahrstuhl auf dem Weg zum Saal, in dem
gefeiert werden sollte. Es gab mehrere Säle und passende kleine
Umkleiden, in denen die Braut umgekleidet, frisiert und geschminkt
wurde. Wir fanden unseren Tisch und hatten dann noch ein wenig Zeit,
um uns umzuschauen.
Die Bilder des Paares, was nebenan feierte waren
doch etwas gewagt für eine Hochzeit. Ansonsten sahen wir die
Verwandten und Bekannten eintrudeln, räumten die gerade aufgebaute
Candybar mit weg und übten das Einlaufen über den roten Teppich.
Wir vier deutschen Jugendlichen wollten (die taiwanesischen Freunde
von Sara trauten sich nicht) das „Gong Schi“ auch beim Laufen
machen. Nach uns mussten auch Philipp, Sara und ihre Eltern einlaufen
und üben. Es wuselten immer zwischendurch ein paar quiekende Kinder
mit manchmal großen Schleifchen auf dem Kopf herum und freuten sich,
wenn sie unter den Tischen durchkrabbeln konnten. Die
Erziehungsberechtigten freuten sich nicht immer darüber und flitzten
zwischen den Tischen umher, um ihren Nachwuchs wieder einzufangen.
Sara wurde in der Zwischenzeit wieder umgestylt, auf der Leinwand
liefen Bilder vom Brautpaar und Gästen.
Aber irgendwann war der
Moment gekommen und wir wurden von der Ansagerin angesagt. Nachdem
uns der Fotograf abgelichtet hatte, zogen wir vier das „Gong Schi“
durch und ernteten dafür viel begeistertes Lachen. Es war schon
merkwürdig von ca. 170 Leuten angeschaut zu werden und unter
Scheinwerfern durch den Mittelgang zu laufen. Dann saßen wir am
Tisch und beobachteten das Einlaufen von Oma und Opa, Brauteltern und
Brautpaar.
Alles wurde von der Ansagerin begleitet (natürlich auf
Chinesisch) und irgendwann, nachdem sich alle die Hände gegeben und
Sara sich symbolisch von ihren Eltern verabschiedet hatte (mit
Tränen, v.a. vonseiten ihrer Eltern), liefen Philipp und sie zur
Bühne, traten darauf und gossen eine große Flasche Sekt in eine
Glaspyramide.
Das alles (ab unserem Eintreten) geschah zu einer
seltsamen Musikauswahl: Wir hatten eine Art Pokémon-Techno, dann kam
zwischendurch Enya, dann „Under the sea“, Peter Gabriel... eine
kuriose Mischung- sehr abwechslungsreich, das muss man schon sagen.
Dann kam das Essen- scheinbar auch hier mit eines der Highlights.
Hannes bekam ein vegetarisches Menü und Mama und Papa am Haupttisch
extra nett angerichtetes Essen. Braut und Bräutigam verschwanden
ohne viel gegessen zu haben zum Umziehen. Das Essen kam Stück für
Stück und wurde auf den runden, drehbaren Teil in der Mitte
gestellt. Zum Glück gab es eine Menü-Karte, denn manchmal war es
nicht auf den ersten Blick ersichtlich was es gab. Bei Hannes war es
noch ein Stück interessanter, da gab es nicht mal eine Karte dazu
:D!!! Das nächste Highlight war erneutes Einlaufen des Brautpaares
in anderen Sachen (Sara trug jetzt ein traditionell rotes Kleid).
Huch wieder ein paar neue Teller auf der Platte mit neuen
interessanten Gerichten. Schnell zwischendurch was essen, bevor sie
es wegtragen. Kurz wurde der Film von Philipp von der Hochzeit in
Deutschland gezeigt. Ha, es ist schon der erste Hauptgang gekommen,
wo ist der Rest von der Vorspeise eigentlich geblieben? Dann gab es
Spiele: Zuerst das Fischchen- Spiel für die Single-Ladies.
Das
hatten wir schon in Deutschland gespielt: Mehrere Papierfischchen
wurden an langen Bändern an den Brautstrauß gebunden, dann mussten
alle ziehen und wer am Ende noch am Brautstrauß hing musste den
Bräutigam aus dem anderen Saal heiraten – hahaaaaa- nee zum Glück
nicht. Wo ist mein Teller hin? Okay, dann schnell was zu essen
sichern, sonst bekomm ich von dem Gang nichts mehr ab.
Anstatt des Strumpfbandwurfes gab es ein Cola-Wetttrinken, bei dem Benni fast gewonnen hätte- zum Glück nur fast, denn wie hätten wir den Plüschbrokkoli nach Hause transportieren sollen???
Dafür gabs Salz- und Pfefferstreuer in Form von Botanik in den verschiedenen Jahreszeiten. Wieder kurz Zeit zum Essen- wann ist denn der Nachtisch aufgetaucht? Wieder ein Spiel mit einem Leuchtstab, der herumgegeben werden musste am Tisch. Wenn die Musik aus war, hatte derjenige eine „Strafe“ zu erdulden, der das Knicklicht noch in der Hand hielt. Jeff hatte Glück (gut er gab den Stab auch immer absichtlich langsam weiter), denn beim zweiten
Durchgang gabs für denjenigen ein
Geschenk. Die beiden kleinen Mädchen, die mit uns am Tisch saßen
beschäftigten sich sehr zufrieden mit kleinen Sachen, die eine
spielte mit Kathis Fächer und ihr Verstecken.
Ich schnappte mir
gerade noch ein Stück Melone und plötzlich gingen die Lichter an,
die Ansagerin verabschiedete sich, alle nahmen Hut, Stock und
Gesangsbuch und liefen Richtung Ausgang, wo das Brautpaar (Sara im
Kleid aus Deutschland) stand und mit allen Gästen Fotos machte. Die
Gäste waren allesamt verdattert, geblendet und manchen schaute
gerade noch ein Shrimp aus dem Mund. Keiner hatte mit dieser Art
Erleuchtung gerechnet- wie jetzt? Alle raus? Das wars? Der Abend
hatte doch gerade erst angefangen. Ein wenig aus Verzweiflung, aber
auch aus Trotz tanzten alle bei uns paarweise noch ein bisschen zur
Musik, was wiederum zur Erheiterung der anderen Gäste sorgte und
auch gefiltm wurde.
Auch viel von dem guten Essen fand seinen Weg in
die Tonne. Während ich noch versuchte das von den anderen Tischen zu
retten, was wir wirklich mitnehmen konnten- eigentlich hauptsächlich
leider nur Melone. Leider nahmen sich auch nicht so viele Gäste wie
angesagt Sachen mit- schade drum. Wir warteten eine Weile bis alle
durch waren mit den Fotos- in der Zeit hatte das Personal schon fast
wieder die gesamte Halle aufgeräumt, neu bezogen und gedeckt.
Hallelujah- das läuft ja wie am Fließband hier.
Da wir den Abend
noch nicht beenden wollten, fuhren wir erst ins Hotel- umziehen und
liefen dann zu Sara, um dort noch ein bisschen Karaoke zu
zelebrieren. Es wurde auch von Danny extra nochmal jemand zum
Bierholen geschickt, obwohl wir mehrfach versicherten, dass der
Alkohol durchaus reichte. Winnie und ihre Mutter blühten richtig auf
und sangen und sangen und sangen, viele chinesische Lieder mit viel
Echo. Wir versuchten das Echo aus unserem Gesang heraus zu halten,
was unsere taiwanesischen Freunde nicht so richtig verstanden. Paul
war richtig gut drauf und kommentierte alles deutlich angeheitert per
Mikrofon, während Chrissy mehrmals erfolglos versuchte ihm dieses
abzunehmen. Aber das hatte er fest im Griff und nutzte es auch beim
Singen von uns mehr oder weniger bekannten Liedern. Leider gab es
nicht allzu viele uns bekannte Lieder. Oft waren die uns bekannten
Lieder zwar schon bekannt, aber eher in China und es war auch nicht
dasselbe Lied. Aber Lemon tree konnten wir zum Glück mehrmals
problemlos trällern – man ich werde morgen keine Stimme mehr
haben. Mama und Papa hatten sich zwischendurch heimlich
weggeschlichen, Sara telefonierte viel und wir konnten auch
irgendwann gerade so noch vor Müdigkeit ins Hotel schwanken und ins
Bett plumpsen- auf jeden Fall mal eine ganz andere Hochzeit!
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