Montag, 30. September 2019

Sonntag, 29.09.19-Hochzeit

„Heute großer Wäschetausch“ – dieser Blog folgt bald.


Der Morgen der Hochzeit war gekommen. Für uns hieß das erst einmal nicht unbedingt, dass der Morgen anders verlief. Duschen, frühstücken. Wir trafen allerdings Philipp auf dem Flur, der bereits mit Hochzeitstracht auf dem Weg zur Dusche war. Ting verkündete beim Frühstück, dass sie sich einen Friseurtermin organisieren wollte. Aus Spaß meinte ich zu ihr, dass sie doch dann fragen soll, ob noch Platz für uns wäre. Eigentlich war das mehr ein Scherz, aber als sie auflegte meinte sie ernst: „Kein Problem!“ Also schnell los. Zum Glück hatten wir uns schon die Haare gewaschen, also hüpften wir mit Jeff schnell in ein Uber und los ging es. Jeff bekam allerdings einen anderen Friseur, da Ting meinte, dass bei uns bestimmt nicht mehr soviel Platz war, obwohl uns der Laden sehr groß erschien als wir hineingingen. Zum Glück hatten wir Ting dabei, die alles für uns aushandelte und das Wort „Hochzeit“ wegließ. So bekamen wir alle eine Friseuse (Mama und ich) oder einen Friseur (Ting und Kathi zugeteilt) und so entstanden aus einem Vorzeigefoto drei verschiedene Frisuren. Ting erhielt einen Waschgang mit Kopfmassage und dann wurden die Haare zurecht geföhnt. Am Ende fragten sie noch, ob sie mit uns allen ein Foto machen könnten, da sie nicht so oft „foreigner“ hatten. Also wurde von jedem noch ein Bild von der Frisur und ein Portraitfoto gemacht. Na Mensch, wer weiß wem das mal gezeigt wird. Auf der Rücktour sammelten wir Jeff ein, der den Vorschlag machte doch zu laufen. Das taten wir dann-mit den frischen Frisuren, was an sich nicht die beste Idee war, denn es war stickig warm und wir mussten ja alle nochmal deswegen duschen. Dann noch ins Kleid, der letzte Schliff und dann trafen wir uns schon alle in der Lobby.

Philipp war verständlicherweise sehr nervös. Als dann die Autos (sechs Stück!!!) ankamen, wurde jedem ein Auto zugeteilt, in dem wir dann in einem großen Bogen zu Saras Haus fuhren.
Da Benni viele rote Umschläge hatte, fiel ihm doch zunächst einer unbemerkt auf den Boden vor das Auto. Zum Glück fiel uns das gleich auf und Papa hob den Umschlag auf und reichte ihn uns durchs Fenster. Na das wäre was geworden! Zuvor waren wir bereits von Winnie instruiert worden wann man wie das Haus betritt. Philipp musste zuerst aussteigen und wir konnten die Eltern mit einer Handbewegung begrüßen, wobei man beide Hände zu einer Kugel zusammenlegte, über jede Schulter zweimal schüttelte und dabei (so spricht man es wohl aus) „Gong schi“ sagt. Allerdings wurde alles nicht so streng gesehen, auch dass wir nicht fotografieren und filmen sollten. Wir bekamen eine extra Behandlung mit speziellen Plätzen, Obst, Tee etc. Wir warteten mit der Familie von Sara, die sich reichlich in den Rest des Hauses quetschte. Zwischendurch lugte Sara schon die Treppe herunter, wurde aber sofort wieder hochgescheucht, da es noch nicht ihr Einsatz war. Aber irgendwann durfte sie, nachdem wir unten auf den Stühlen vom Hochzeitsplaner umsortiert wurden. Das war ein wenig wie Stuhltanz. Der Herr war auch etwas laut und gab Anweisungen. Die Höhe war allerdings seine Hose, die an den Schienbeinen tiefe Einblicke gewähren ließen. Sie sah echt super aus in der traditionellen Hochzeitskleidung, während Philipp nicht so richtig zur asiatischen Tracht passen wollte, aber gerade das in Kombination mit dem Hut (leider hatte Sara ihm die Brille untersagt) war ein Knaller. In Begleitung einer Tante, die sich mit den Hochzeitsbräuchen auskannte reichte Sara nun unserer Familie Tee und sagte etwas dazu. Wir tranken den aus und rollten danach unsere roten Umschläge in die Tassen. Diese gaben wir ihr dann mit netten Worten zurück.
Nach vielen Fotos vom Brautpaar mit allen möglichen Kombinationen aus Familienmitgliedern und Freunden, ging Sara wieder nach oben und ließ uns mit einer neuen (geschnitzten) Obstplatte und Spießchen zurück. Das bekam der Obstplatte nicht gut, uns aber umso mehr. Zwischendurch wurden Geschenke übergeben (Hochzeitskuchen, der ungewohnterweise deftig – mit Schwein und Kürbis- war und nicht süß), der Geschenketisch war gut gefüllt.
Das krasseste Geschenk war ein ein Körbchen mit Deko, v.a. mit kleinen Hühnchen, die für viel nachwuchs stehen sollte und tatsächlich krähte, wenn man einen Knopf betätigte.
Nach einer Weile kehrte sie in dem riesigen weißen Hochzeitstofftraum wieder zurück. Zuvor hatte Philipp sie aus ihrem Zimmer holen müssen mit anklopfen etc. Unten verabschiedete sich Sara nun von ihren Eltern und bedankte sich für die letzten 29 Jahre.

Auch Philipp sagte etwas auf Chinesisch. Dann verließen die beiden das Haus. Draußen wurde der Blumenstrauß von Philipp aus dem Fenster gehalten, Sara schmiss ihren Fächer aus dem Autofenster. Das macht die Braut, um all ihre schlechten Eigenschaften abzulegen, wenn sie in das Haus ihres Mannes geht. Es gibt wohl mittlerweile Bräute, die ganze palmwedelgroße Fächer werfen oder Sara wurde von einem Cousin geraten doch die alte Klimaanlage zu werfen. Wir erklommen wieder unsere Autos und nach dem kleinen Feuerwerk ging die Karawane ab durch die Stadt. Für jedes Paar war wirklich ein Auto und ein Fahrer dabei. Das fühlte sich seltsam an wie man da so vornehm durch die Gegend kutschiert wurde. Zum Glück hatten die beiden schönes Wetter. An der „Location“ angekommen, konnte Sara so das Ritual mit dem Korb (eine flache aus Fasern gewebte Schale) über den Kopf gehalten während sie ausstieg, damit Gott nicht sah, dass sie die wichtigste Person an dem Tag war.
Wir fuhren in die Tiefgarage und versammelten uns alle im Fahrstuhl auf dem Weg zum Saal, in dem gefeiert werden sollte. Es gab mehrere Säle und passende kleine Umkleiden, in denen die Braut umgekleidet, frisiert und geschminkt wurde. Wir fanden unseren Tisch und hatten dann noch ein wenig Zeit, um uns umzuschauen.

Die Bilder des Paares, was nebenan feierte waren doch etwas gewagt für eine Hochzeit. Ansonsten sahen wir die Verwandten und Bekannten eintrudeln, räumten die gerade aufgebaute Candybar mit weg und übten das Einlaufen über den roten Teppich.
Wir vier deutschen Jugendlichen wollten (die taiwanesischen Freunde von Sara trauten sich nicht) das „Gong Schi“ auch beim Laufen machen. Nach uns mussten auch Philipp, Sara und ihre Eltern einlaufen und üben. Es wuselten immer zwischendurch ein paar quiekende Kinder mit manchmal großen Schleifchen auf dem Kopf herum und freuten sich, wenn sie unter den Tischen durchkrabbeln konnten. Die Erziehungsberechtigten freuten sich nicht immer darüber und flitzten zwischen den Tischen umher, um ihren Nachwuchs wieder einzufangen. Sara wurde in der Zwischenzeit wieder umgestylt, auf der Leinwand liefen Bilder vom Brautpaar und Gästen.
Aber irgendwann war der Moment gekommen und wir wurden von der Ansagerin angesagt. Nachdem uns der Fotograf abgelichtet hatte, zogen wir vier das „Gong Schi“ durch und ernteten dafür viel begeistertes Lachen. Es war schon merkwürdig von ca. 170 Leuten angeschaut zu werden und unter Scheinwerfern durch den Mittelgang zu laufen. Dann saßen wir am Tisch und beobachteten das Einlaufen von Oma und Opa, Brauteltern und Brautpaar.

Alles wurde von der Ansagerin begleitet (natürlich auf Chinesisch) und irgendwann, nachdem sich alle die Hände gegeben und Sara sich symbolisch von ihren Eltern verabschiedet hatte (mit Tränen, v.a. vonseiten ihrer Eltern), liefen Philipp und sie zur Bühne, traten darauf und gossen eine große Flasche Sekt in eine Glaspyramide.
Das alles (ab unserem Eintreten) geschah zu einer seltsamen Musikauswahl: Wir hatten eine Art Pokémon-Techno, dann kam zwischendurch Enya, dann „Under the sea“, Peter Gabriel... eine kuriose Mischung- sehr abwechslungsreich, das muss man schon sagen. Dann kam das Essen- scheinbar auch hier mit eines der Highlights. Hannes bekam ein vegetarisches Menü und Mama und Papa am Haupttisch extra nett angerichtetes Essen. Braut und Bräutigam verschwanden ohne viel gegessen zu haben zum Umziehen. Das Essen kam Stück für Stück und wurde auf den runden, drehbaren Teil in der Mitte gestellt. Zum Glück gab es eine Menü-Karte, denn manchmal war es nicht auf den ersten Blick ersichtlich was es gab. Bei Hannes war es noch ein Stück interessanter, da gab es nicht mal eine Karte dazu :D!!! Das nächste Highlight war erneutes Einlaufen des Brautpaares in anderen Sachen (Sara trug jetzt ein traditionell rotes Kleid).
Huch wieder ein paar neue Teller auf der Platte mit neuen interessanten Gerichten. Schnell zwischendurch was essen, bevor sie es wegtragen. Kurz wurde der Film von Philipp von der Hochzeit in Deutschland gezeigt. Ha, es ist schon der erste Hauptgang gekommen, wo ist der Rest von der Vorspeise eigentlich geblieben? Dann gab es Spiele: Zuerst das Fischchen- Spiel für die Single-Ladies.
Das hatten wir schon in Deutschland gespielt: Mehrere Papierfischchen wurden an langen Bändern an den Brautstrauß gebunden, dann mussten alle ziehen und wer am Ende noch am Brautstrauß hing musste den Bräutigam aus dem anderen Saal heiraten – hahaaaaa- nee zum Glück nicht. Wo ist mein Teller hin? Okay, dann schnell was zu essen sichern, sonst bekomm ich von dem Gang nichts mehr ab.


Anstatt des Strumpfbandwurfes gab es ein Cola-Wetttrinken, bei dem Benni fast gewonnen hätte- zum Glück nur fast, denn wie hätten wir den Plüschbrokkoli nach Hause transportieren sollen???
Dafür gabs Salz- und Pfefferstreuer in Form von Botanik in den verschiedenen Jahreszeiten. Wieder kurz Zeit zum Essen- wann ist denn der Nachtisch aufgetaucht? Wieder ein Spiel mit einem Leuchtstab, der herumgegeben werden musste am Tisch. Wenn die Musik aus war, hatte derjenige eine „Strafe“ zu erdulden, der das Knicklicht noch in der Hand hielt. Jeff hatte Glück (gut er gab den Stab auch immer absichtlich langsam weiter), denn beim zweiten
Durchgang gabs für denjenigen ein Geschenk. Die beiden kleinen Mädchen, die mit uns am Tisch saßen beschäftigten sich sehr zufrieden mit kleinen Sachen, die eine spielte mit Kathis Fächer und ihr Verstecken.

Ich schnappte mir gerade noch ein Stück Melone und plötzlich gingen die Lichter an, die Ansagerin verabschiedete sich, alle nahmen Hut, Stock und Gesangsbuch und liefen Richtung Ausgang, wo das Brautpaar (Sara im Kleid aus Deutschland) stand und mit allen Gästen Fotos machte. Die Gäste waren allesamt verdattert, geblendet und manchen schaute gerade noch ein Shrimp aus dem Mund. Keiner hatte mit dieser Art Erleuchtung gerechnet- wie jetzt? Alle raus? Das wars? Der Abend hatte doch gerade erst angefangen. Ein wenig aus Verzweiflung, aber auch aus Trotz tanzten alle bei uns paarweise noch ein bisschen zur Musik, was wiederum zur Erheiterung der anderen Gäste sorgte und auch gefiltm wurde.
Auch viel von dem guten Essen fand seinen Weg in die Tonne. Während ich noch versuchte das von den anderen Tischen zu retten, was wir wirklich mitnehmen konnten- eigentlich hauptsächlich leider nur Melone. Leider nahmen sich auch nicht so viele Gäste wie angesagt Sachen mit- schade drum. Wir warteten eine Weile bis alle durch waren mit den Fotos- in der Zeit hatte das Personal schon fast wieder die gesamte Halle aufgeräumt, neu bezogen und gedeckt. Hallelujah- das läuft ja wie am Fließband hier.
Da wir den Abend noch nicht beenden wollten, fuhren wir erst ins Hotel- umziehen und liefen dann zu Sara, um dort noch ein bisschen Karaoke zu zelebrieren. Es wurde auch von Danny extra nochmal jemand zum Bierholen geschickt, obwohl wir mehrfach versicherten, dass der Alkohol durchaus reichte. Winnie und ihre Mutter blühten richtig auf und sangen und sangen und sangen, viele chinesische Lieder mit viel Echo. Wir versuchten das Echo aus unserem Gesang heraus zu halten, was unsere taiwanesischen Freunde nicht so richtig verstanden. Paul war richtig gut drauf und kommentierte alles deutlich angeheitert per Mikrofon, während Chrissy mehrmals erfolglos versuchte ihm dieses abzunehmen. Aber das hatte er fest im Griff und nutzte es auch beim Singen von uns mehr oder weniger bekannten Liedern. Leider gab es nicht allzu viele uns bekannte Lieder. Oft waren die uns bekannten Lieder zwar schon bekannt, aber eher in China und es war auch nicht dasselbe Lied. Aber Lemon tree konnten wir zum Glück mehrmals problemlos trällern – man ich werde morgen keine Stimme mehr haben. Mama und Papa hatten sich zwischendurch heimlich weggeschlichen, Sara telefonierte viel und wir konnten auch irgendwann gerade so noch vor Müdigkeit ins Hotel schwanken und ins Bett plumpsen- auf jeden Fall mal eine ganz andere Hochzeit!

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